2. Besprechung des Buches „Kongo“ von David van Reybrouck [3]

Dieses Buch hat in unserer Qualitätspresse sehr positive Rezensionen erfahren. Die Zeit schrieb: „Eine wunderbare Mischung aus Zeitreise und Reisebericht, aus Dokudrama und Wirtschaftskrimi, aus Geschichte von unten und Krisenreportage aus eigener Anschauung.“ Der Spiegel beurteilte dieses Buch wie folgt: „Kongo führt die besten Traditionen von Geschichte und Journalismus zusammen…

Herr Reybroucks Buch ist ein umfassender Überblick über die jüngere Geschichte des Kongo. Im Buch werden auch die Verbrechen der Weißen benannt. Ihm kommen ob der typischen Feindbilder der westlichen Medien, wie „die Politik Chinas in Afrika ist böse“ durchaus Zweifel. Er mag offensichtlich die Menschen im Kongo. Aber ansonsten ist alles sehr bieder. Und es ist sehr „ausgewogen“, so ausgewogen, dass die Verbrechen der Weißen immer wieder relativiert werden. Dabei weist er häufig darauf hin, dass die Schwarzen im Kongo sich nicht selber verantwortungsbewusst regieren können, sondern dies erst von den Weißen lernen müssten. Er versucht immer wieder darzustellen, dass der Weiße an sich gutwillig (aber naiv) ist, während der Schwarze an sich wild und gewalttätig ist.

 

2.1           Frühe Belgische Kolonialpolitik (1908 bis 1920)

Die ersten Jahre der belgischen Kolonialpolitik werden wie folgt charakterisiert:  „Die belgische Politik [nach 1908] hatte bestimmt die besten Absichten, was die Einheimischen betraf“ (S. 132) [4]. Und genau deshalb wurde die Ausbeutungspolitik König Leopolds nach 1908 auch nicht wesentlich verändert, wie auch Herr van Reybrouck zugibt (S. 130). Wieso dann der ausdrückliche Hinweis auf „die besten Absichten der Kolonialverwaltung“?  War es nicht vielmehr so, dass auch nach 1908 die wirtschaftliche Ausbeutung mit möglichst wenig Gegenleistungen im Vordergrund stand?

Dennoch kann man auf Seite 116 sinngemäß lesen: Die Verbrechen wurden von Schwarzen ausgeführt, die Weißen Vorgesetzten waren weit weg". Diese Aussage wird auf der folgenden Seite etwas relativiert: „Aber es handelt sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. … Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig“.

Und noch ein paar Seiten später macht Herr van Reybrouck klar, dass es die Machtstruktur ist – bis in die höchste Spitze – die das Gräuel gefördert hat, was die „besten Absichten“ der Kolonialverwaltung verdeutlicht. Aber wenn das so ist, warum stellt Herr van Reybrouck die Tatsache in den Vordergrund, dass die Ausführenden der Gräuel (meist) Schwarze waren? Wird damit nicht ein wenig die Schuld der Weißen relativiert?

 

Aber weiter im Text: „Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich die erste Industrialisierungswelle … Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen“ (S. 155). „Nur einer von acht Arbeitern schuftete freiwillig. … Die Männer wurden durch hölzerne Joche oder Seilschlingen fortgeführt.“ (S. 154)

Herr van Reybrouck spricht von „Lohnarbeitern“, nicht von Sklaven. Und dies bei nicht-freiwilliger Arbeit und Jochen, damit die Menschen nicht abhauen können…

 

 

2.2           Rückblick: Der Kongofreistaat (1885 bis 1908)

Die Kolonialpolitik Belgiens empfand Herr van Reybrouck als weniger schlimm gegenüber der „Politik“ des Kongofreistaates König Leopolds. Aber wie sah es mit der Politik von König Leopold aus, der selbst bei herkömmlichen Geschichtsschreibern nicht den besten Ruf hat? Daher ist ein Rückblick auf die Zeit zwischen 1885 und 1908 erforderlich:

König Leopold hatte durch geschicktes Ausspielen der europäischen Großmächte gegeneinander auf der Berliner Konferenz 1884/85 eine persönliche Kolonie – genannt „Kongofreistaat“ - erhalten. Dessen offizielle  Ziele waren die Bekämpfung des arabischen Sklavenhandels, die Aufklärung der Ureinwohner und die Förderung des freien Handels.

Was hatte es mit dem „arabischen Sklavenhandel“ auf sich? Im Kongo – wie in weiten Teilen Schwarzafrikas – gab es traditionell Sklaverei. Sklaven waren meist aufmüpfige Stammesmitglieder, die durch ihren Häuptling verkauft wurden, zuerst an andere Stämme, dann verstärkt an Sklavenhändler für die europäischen Kolonien in Amerika, dann ab 1850 hauptsächlich an „arabische“ Sklavenhändler [5] aus Sansibar Richtung Arabien / Indien als Hausboy.

Die mit der Selbstverständlichkeit der Sklaverei verbundene Zerrüttung der Gesellschaften hat auch dazu geführt, dass die Stämme zu schwach waren, sich gegen die ab 1870 verstärkt eindringenden Weißen zu wehren.

Wie bereits eingangs erwähnt, kamen König Leopolds Mannen offiziell, um den Sklavenhandel zu verhindern. In der Realität verdrängten sie nur die „arabische“ Konkurrenz und trieben die Ausbeutung der Einheimischen in ungeahnte Dimensionen. Die Schwarzen wurden verdinglicht und auf ihre Arbeitskraft reduziert, ihr Überleben war für die Weißen ohne Bedeutung. Starb ein Arbeitssklave, beschaffte man sich eben neue [6]. Das schlechte traditionelle System der Sklaverei wurde durch ein (aus der Sicht der normalen Menschen im Kongo) wesentlich schlechteres System einer sehr weitgehenden Ausbeutung verdrängt.

Wofür wurden die Arbeitssklaven benötigt?  Anfangs wurden sehr viele Träger benötigt. Der Fluss Kongo war nur bis kurz vor der Mündung schiffbar. Damit die Schätze außer Land gebracht werden konnten, mussten bis Inbetriebnahme der Eisenbahn zwischen der Mündung des Kongo und dem Ende von dessen schiffbarem Teil alle Schätze die Berge hinunter und Waffen, Munition, Boote und Champagner die Berge hoch getragen werden. Ebenso wurden Träger für den Bau der Eisenbahn benötigt, sowie Holzhacker um die Dampfboote auf dem Kongo fahren lassen zu können. Die Träger wurden anfangs – traditionell - von den Häuptlingen gekauft. Herr van Reybrouck vermeidet es, die von den Häuptlingen gekauften Träger – im Gegensatz zu den von den „arabischen“ Sklavenhändlern gekauften - als Sklaven zu bezeichnen.

Später, als der Bedarf an Sklaven auch auf Grund der hohen Todesraten ins unermessliche stieg, wurden Menschen einfach aus den Dörfern verschleppt – natürlich rein legal, indem mit den Schwarzen „Arbeitsverträge“ vereinbart wurden, oder indem die Freistaatverwaltung Gesetze erließ, die die Dörfler zu Frondiensten verpflichtete [7].  Wie man ein derartiges System der Zwangsarbeit anders bezeichnen kann als Sklaverei, ist mir schleierhaft.

Neben den Trägern (mit hoher Todesrate) durften einige Verschleppte als Diener arbeiten, die Boy heißen. Obwohl der „Boy“ der Weißen dieselbe Arbeit ohne Bezahlung macht, wie der „Sklave“ der arabischen Sklavenhändler, ist das eine für Herr van Reybrouck böse (arabische Sklavenhändler), das andere (weiße Herren) gut. Und neben den Hausboys, denen es ja in der Regel relativ gut ging, gab es in wesentlich größerer Zahl die Sklaven, die sich buchstäblich zu Tode schuften durften.

 

Herr van Reybrouck weist ausdrücklich darauf hin, dass die Millionen Toten als Folge des Zwangssystems des Kongofreistaates keine Opfer eines Genozids sind (er  bezeichnet einen derartigen Vorwurf als „absurd“), sondern nicht gewollte Kollateralschäden. Womit Herr van Reybrouck von der Definition des Wortes Genozid sicher Recht hat. Ob aber ungewollter billigend in Kauf genommener Massenmord auf Grund von Gier moralisch weniger verwerflich ist, als ein geplanter Massenmord auf Grund Religion, Rasse oder Herkunft, möchte ich nicht entscheiden.

 

 

2.3           Zur Person König Leopolds

Herr van Reybrouck behauptet, König Leopold sei falsch verstanden worden. Nicht die Gier trieb ihn an, sondern er war ehrlich am Wohl Belgiens interessiert, das er [mit dem Geld aus dem Kongo] verschönern wollte. Er wollte wirklich etwas gegen den (arabischen) Sklavenhandel unternehmen, er wollte auch gegen die Kautschuk-Gräuel vorgehen, ja er hat sogar eine Untersuchungskommission ernannt, um diese Gräuel zu beenden.

Zum Menschenfreund König Leopold folgende Anmerkungen:  

 

A.    Er war ehrlich am Wohl Belgiens interessiert

Leopold war so sehr am Wohl Belgiens interessiert, dass er den belgischen Staat mit den zinsfreien Anleihen, die ihm für die „Entwicklung“ des Kongo gewährt wurde, betrogen hat. Er hat bis zur Übergabe seines Kongo-Freistaates an den belgischen Staat alles getan, um die ungeheuerlichen Gewinne, die er aus dem Kongo gezogen hat, zu verschleiern. Er hat sogar die Dreistigkeit besessen, trotz seines immensen Vermögens den belgischen Staat für den Unterhalt seiner viel zu großen Schlösser, die er mit dem (Blut)geld aus dem Kongo „verschönert“ und erweitert hat, anzubetteln.

Dass ihm durchaus bewusst war, dass er gegenüber dem belgischen Staat – um es vorsichtig zu sagen – nicht ganz aufrichtig war, zeigt sich in der Tatsache, dass er kurz vor der Übergabe „seines“ Kongo-Freistaates an Belgien alle Archive hat verbrennen lassen.

Und noch eine Anmerkung zur „Verschönerung“ Belgiens. Leopold hat in der Tat viel in Belgien gebaut. Leider nur Prunkbauten wie sein Schloss in Laeken. Und ob diese wirklich schön sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Schriftsteller Joseph Conrad – ein Zeitgenosse von König Leopold - beschreibt diese in seinem Roman „Herz der Finsternis“ als „getünchtes Grab“ und Brüssel als „Grabesstadt“ da er wusste, wie ihr Bau möglich gemacht wurde.

 

B.    Er wollte ehrlich gegen den „arabischen“ Sklavenhandel vorgehen

Natürlich wollte er dies. Schließlich waren die „arabischen“ Sklavenhändler für ihn Konkurrenz, die es aus dem Feld zu schlagen galt. Dass er aber ein Menschenfreund war, der gegen die Sklaverei vorgehen wollte, bestreite ich energisch (siehe hierzu oben).

 

C.    Er wollte gegen die Kautschuk-Gräuel vorgehen

Hierzu hat Leopold sogar eine Kommission in den Kongo gesendet. Eine Kommission, von der er fälschlicherweise annahm, dass sie ein Gefälligkeitsgutachten erstellen würde. Da die Kommission genau dies nicht tat, verhinderte König Leopold die Veröffentlichung der Langfassung des Berichtes und verzögerte so lang es ging, die Veröffentlichung der Kurzfassung. Tatsachen, die Herr van Reybrouck offensichtlich „übersehen“ hat.

 

 

 2.4           Späte Belgische Kolonialpolitik (1920 bis 1960)

Nach dem kurzen Rückblick auf den Kongofreistaat sowie auf die Person König Leopolds, möchte ich auf die späteren Jahres des Kongo als belgische Kolonie zurückkommen.

Belgien als Kolonialmacht führte im Kongo Steuern ein, die das Fronsystem des Kongofreistaates abgelöst haben. Die Steuern wurden benötigt, um die Kolonialverwaltung zu bezahlen und um eine Infrastruktur zur besseren Ausbeutung der Schätze des Kongo aufzubauen. Selbstredend kamen die erhobenen Steuern nicht den ursprünglichen Einwohnern des Kongo zu Gute.

Dennoch behauptet Herr van Reybrouck ohne erkennbaren Zynismus: „Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen“ (S. 191). Weil es dazu führte, die Menschen in die Minen zu treiben, Baumwolle anzubauen oder Ölpalmen zu ernten. Nicht nur, dass die Schwarzen für die Exportwirtschaft arbeiten mussten, um die von den Landräubern aufgezwungen Steuern zu zahlen. Hinzu kam, dass die Arbeit der Schwarzen nur unzureichend „bezahlt“ wurden, oft nur so viel, dass gerade einmal die Steuern bezahlt werden konnten. Also letztlich auch ab 1920: Zwangsarbeit. Oder deutlicher ausgedrückt: Sklaverei. Oder aber wie es bei Herrn van Reybrouck anklingt: Den Negern wurde beigebracht, endlich einmal zu arbeiten und nicht nur faul in der Ecke zu liegen.

 

Nächstes Beispiel: Für die schwarze Oberschicht in den 1950iger Jahre bedauert Herr van Reybrouck: „Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wohlgeredet ausdrückt, noch mit der Nilpferdpeitsche traktiert werden konnte“ (S. 261).  Im Umkehrschluss: Es ist schon ok, wenn die Nilpferdpeitsche beim ungebildeten schwarzen Volk eingesetzt wird?

 

 

2.5           Die ersten Jahre der „Unabhängigkeit“ (1960 bis 1965)

Zur Unabhängigkeit des Kongo bemerkt der Autor: Die Weißen (Belgier) „wollten nur das Beste“. Stimmt: nämlich die Reichtümer Kongos, wie Herr van Reybrouck selber beschreibt. Wer sich – wie der Autor - wundert, warum es zur Katanga-Sezession [8] mit freundlicher Unterstützung belgischer Truppen gekommen ist, der kann oder will die Zusammenhänge nicht erkennen.

Die Behauptung „Der belgische Staat hat die Sezession nicht geplant“ kombiniert mit den ebenfalls durch Herrn van Reybroucks beschriebenen Durchführung der Sezession durch belgische Soldaten ist widersinnig. Wenn außerdem die jahrelange Ausbeutung der Bodenschätze Katangas durch westliche Unternehmen mit freundlicher Unterstützung der belgischen Marionettenregierung Katangas beschrieben wird, ist die Aussage, Belgien hätte die Sezession nicht geplant, bestenfalls naiv, schlimmstenfalls der Versuch zur Verdummung der Leser.

 

2.6           Kongo / Zaire bis Mitte der 1980iger Jahre

Hier möchte ich nicht auf die Darstellung der Mobuto-Zeit im Ganzen eingehen, sondern nur auf das Wirken der westlichen Banken und hier besonders von IWF/Weltbank. Dem Buch ist zu entnehmen, dass bereits 1980 Herr Blumenthal (er sollte im Auftrag IWF/EU die Staatsbank Zaires sanieren) klarstellte: „Zaire wird seine Schulden nie zurück zahlen können …“. Schulden, die hauptsächlich zur Finanzierung des Luxuslebens der führenden Schicht mit freundlicher Unterstützung der westlichen Regierungen angehäuft wurden.

Obwohl nur unproduktive Schulden [9] gemacht wurden – was Geldgeber und westliche Regierungen wussten – und obwohl klar war, dass diese nie zurückgezahlt werden konnten, gab es immer neue Kredite. Vorzugsweise um die alten Kredite nebst horrenden Zinsen abzulösen.

Dass nicht rückzahlbare Kredite ein einfaches Mittel sind, um eine „legale“ Handhabe zu haben, ein Land auszuplündern, daran mag Herr van Reybrouck nicht denken. Stattdessen wundert er sich, dass auch nach 1980 immer mehr Kredite (und damit Abhängigkeiten) gewährt wurden.

Und dann die Krönung auf S. 446: „Doch der IWF war nicht ohne Schuld“, weil er „aus Mangel an landeskundlichem Wissen“ gehandelt hat. Aha.

Auch hier bleibt sich Herr van Reybrouck treu: der Gute, aber naive Westen (verkörpert durch den IWF) wird durch böswillige, gierige Neger über den Tisch gezogen.

 

 

2.7           Völkermord in Ruanda und der Zerfall von Zaire

Der Völkermord in Ruanda und die anschließenden Kriege im Kongo mit Millionen Toten werden durch Herr van Reybrouck so dargestellt, dass nicht einmal der Gedanke an eine Verwicklung westlicher Regierungen aufkommen kann.

Frankreich hat bis zuletzt die Völkermörder in Ruanda auch militärisch unterstützt, wobei Herr van Reybrouck feststellt: „Mitterand konnte nicht wissen“. Natürlich: Frankreich investiert Millionen, liefert Waffen und Ausrüstung ist aber leider, leider schlecht informiert. Wahrscheinlich weil die Neger gelogen haben.

Na ja, zum Glück wurde dann die von Frankreich geförderte Völkermordregierung in Ruanda durch US-unterstützte Rebellen vertrieben. Diese Rebellen sind dann zusammen mit der ebenfalls US-unterstützten Regierung Ugandas im Kongo eingefallen und haben hier Massenmorde verübt. Der Westen ist daran aber vollkommen unschuldig: „Die internationale Gemeinschaft bekam keinen Zugang zu dem Gebiet, so dass die Gräuel … erst später bekannt wurde“ (S. 501). Logisch: die USA (=internationale Gemeinschaft) investieren Millionen in Kriegsgerät (und Berater?), haben aber keinen Zugang…

Warum die USA Geld gegeben haben, ist S. 504 zu entnehmen: „[Die USA unterstützen Kabila (Ruanda in Zaire) weil sie ein schlechtes Gewissen wegen der unterlassenen Hilfe gegen Völkermord hatten]“.  Auch hier wieder: der naive, gutgläubige Westen, der selbstlos ohne eigene Interessen handelt, auf der anderen Seite die diabolischen Neger, die eine Gräueltat nach der anderen begehen.

Dass der Kongo reich an Mineralien ist und dass sowohl belgisch-französische (deren Regierungen die eine Seite „unterstützt“ haben) als auch britisch-US-amerikanische Bergbauunternehmen (deren Regierungen die andere Seite „unterstützt“ haben) diese ausbeuten wollten – daran verschwendet der Autor keinen Gedanken.

Einziges Zugeständnis, dass vielleicht nicht nur– wie seitenlang beschrieben – Schwarze aus Uganda, Ruanda und dem Kongo von den Gräuel profitiert haben, ist ein (!) Satz (Seite 538), in dem erwähnt wird, dass „zwielichtige Geschäftsleute in der Schweiz, in Russland, Kasachstan, Belgien den Niederlanden und Deutschland“ den meisten Profit mit dem Krieg im Kongo gemacht haben. Ein Satz. Und in der Aufzählung fehlen „Kaufleute“ aus Großbritannien, den USA und Frankreich – den Staaten also, die aktiv die Kriegspartien unterstützt haben.

Wahrscheinlich, weil diese drei Länder zu selbstlos (und naiv) sind. Kein Wort darüber, noch nicht einmal die Andeutung einer Diskussion, dass es sich bei dem „Bürgerkrieg“ bzw. „Afrikakrieg“ um einen Stellvertreterkrieg USA gegen Frankreich handeln könnte.

 

2.8           Fazit

Und dies Buch soll ein „Jahrhundertbuch“ (SpiegelOnline) sein, eines, das „Geschichte von unten erzählt“ (Die Zeit)?

Herr van Reybrouck hat die Gräueltaten der Weißen im Kongo dargestellt, die nicht zu leugnen sind. Aber er wehrt sich vehement gegen die Schlussfolgerungen, dass die europäischen Kolonialregimes im Kongo verbrecherisch waren, dass es sich von Anfang an um einen bewaffneten Raubüberfall mit Versklavung der Bewohner des Kongo handelte und dass sich dies bis heute nicht wesentlich geändert hat.

Ungewollt zeigt aber auch Herr van Reybrouck, dass die von ihm dargestellte offiziöse Geschichtsinterpretation – um es vorsichtig zu sagen – nicht ganz vollständig ist: „Dass die Reichtümer (Elfenbein, Kautschuk, Kupfer, Coltan etc) nicht bei den Menschen [im Kongo] angelangten, darin lag eine Tragik“ (S. 148). Von diesem (ketzerischen) Gedanken aus ist es nur ein kleiner Schritt dazu, sich zu fragen, wer denn von den Reichtümern profitiert hat bzw. immer noch profitiert. Um dann ggf. zu schließen, dass es vielleicht Absicht war und ist, dass nichts von den Reichtümern des Kongo bei dessen Bewohnern ankommt (was ja das Wesen eines bewaffneten Raubüberfalls ist).

 

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 [3]   Der Kongo war von etwa 1880 bis 1908 als „Kongofreistaat“ Privatbesitz von König Leopold von Belgien, 1908 bis 1961 belgische Kolonie und danach nominell unabhängig.

Festzuhalten bleibt, dass der Kongo bezüglich seiner natürlichen Reichtümer (erst Elfenbein, dann Kautschuk, dann viele seltene Metalle) sehr reich ist und war. Fakt ist ebenfalls, dass bei den Bewohnern des Kongo von diesem Reichtum nichts angekommen ist. Im Gegenteil: den Menschen im Kongo geht und ging es schlechter, als dem durchschnittlichen Schwarzafrikaner.

 

Die Gräuel im Kongo zu Zeiten König Leopolds (und auch danach) waren unvorstellbar. Menschen wurden eingefangen und als Träger so lange „benutzt“ bis sie tot umfielen. Später mussten Dorfgemeinschaften Kautschuk sammeln. Zur Erhöhung des Druckes wurden ihre Verwandten als Geiseln genommen, die nur dann frei kamen, wenn die Quote erreicht wurde. Durch das Kautschuksammeln kamen die Menschen aber nicht mehr dazu, Lebensmittel anzubauen.

Es wurden – mit Hilfe von schwarzen Fußtruppen – Strafexpeditionen durchgeführt, falls Dorfgemeinschaften mit ihren Lieferungen im Rückstand waren. Da die weißen Befehlenden sicher sein wollten, dass die schwarzen Fußtruppen keine Munition horten, musste für jeden Schuss eine rechte Hand des Opfers als „Quittung“ mitgebracht werden. Dies führte dazu, dass auch Lebenden im großen Umfang die rechte Hand abgeschnitten wurde.

Weiße konnten straflos wild in der Gegend herumballern. Schwarze, die schief guckten, wurden erschossen oder auf andere Art und Weise umgebracht.

Die schwarzen Sklaven wurden im Auftrag der Weißen oft wegen winziger „Vergehen“ brutal misshandelt. Auspeitschen mit der scharfkantigen Nilpferdpeitsche war an der Tagesordnung. Dabei wurde so brutal vorgegangen, dass ein hoher Prozentsatz der Gefolterten dies nicht überlebte.

Und das alles hat sich aus kommerzieller Sicht gelohnt: Der Kongofreistaat König Leopolds war die profitabelste Kolonie überhaupt. Elfenbein und Kautschuk waren damals sehr wertvoll, diese Rohstoffe wurden ohne jegliche Gegenleistung, unter Sklavenarbeit der Einheimischen geraubt. Da mit Ausnahme von Munition, Champagner (für die weißen Aufseher) und Glasperlen bzw. kurze Stücke Messingdraht (nur anfangs als "Bezahlung" für die Schwarzen, später schenkte man sich selbst dies) sowie den nur Anfangs hohen „Erschließungskosten“ (für Boote, Waffen und „Handels“stationen) keine weiteren „Gewinnungskosten“ für die wertvollen Rohstoffe anfielen, waren die Gewinne exorbitant hoch. 

 

[4]    Man könnte dies als die „Wenn der Führer das wüsste“ Darstellung bezeichnen. Sie wird – so mein Eindruck – immer dann von den Mächtigen unter das Volk gebracht, wenn Staatsverbrechen nicht mehr geleugnet werden können. Dann werden die Staatsverbrechen mit der Gier und dem Machtmissbrauch der mittleren und unteren Chargen erklärt. Die Oberen sind fein raus, Staatsverbrechen werden nicht mehr als prinzipielles Problem eines Systems mit intransparenter Macht gesehen.

 

[5]   „Arabische“ Sklavenhändler waren meist auf der Insel Sansibar zu Hause, und daher keine „typischen“ Araber.

  

[6]  Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu den „arabischen“ Sklavenhändler, die ein großes Interesse daran hatten, dass ihre Sklaven überleben. Dies galt auch für die Haushalte, wo die Sklaven letztlich arbeiten mussten.

                       

[7]  Joseph Conrad schreibt im Roman  „Herz der Finsternis“ hierüber ironisch: „[Die Träger] mussten Steuern zahlen, von denen sie nichts wussten. [Aber sie waren wenigstens mit] gesetzlich einwandfreien Arbeitsverträgen [ausgestattet]“

 

[8]  Im Zuge der nominellen Unabhängigkeit des Kongo kam es zu Querelen, die zu einer Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga führte. Diese Abspaltung wurde durch massiven Einsatz belgischer Fallschirmjäger über Jahre hinaus gestützt und führte für belgische Bergbaukonzerne dazu, noch Jahre nach der nominellen Unabhängigkeit die Schätze Katangas auszubeuten. Der Einsatz belgischer Fallschirmjäger wurde übrigens von der UN Vollversammlung als Aggression Belgiens gegen den Kongo verurteilt.

 

[9]  Schulden also, die keinen Ertrag erwirtschaften, im Gegensatz zu Schulden, mit denen Investitionsgüter gekauft werden, deren Ertrag es ermöglicht, Schulden zurückzuzahlen. Unter produktive Schulden fallen m.E. nicht nur solche, mit denen Maschinen gekauft werden, sondern auch solche, mit denen in Bildung und Gesundheit investiert wird. Unproduktiv sind dagegen Schulden, die für die Beschaffung von Waffen und Luxusgütern aufgenommen werden.

 

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