3. Die Kreuzzüge

 

Im Folgenden stütze ich mich im Wesentlichen auf das Buch „The Crusades trough Arab Eyes“ von Amin Maalouf. Die „christlichen“ Kreuzfahrer werde ich meist als „Franken“ bezeichnen, wobei sich darunter im wesentlichen Nordwest- und Mitteleuropäer, wie Deutsche, Franken, Engländer etc. verbergen.

 

Ich werde nur Teile der Kreuzzüge betrachten, zunächst die Zeit bis zur Eroberung Jerusalems, dann die Zeit Saladins um schließlich mit dem Untergang der Kreuzfahrerstaaten zu enden.

 

 

3.1 Die Kreuzzüge bis zur Eroberung Jerusalems 1099

 

Als die Kreuzzüge 1095 begannen, herrschten in Kleinasien und Syrien vor allem untereinander zerstrittene seldschukische Kleinkönigreiche. Daneben gab es mit dem (christlichen) Byzanz und dem fatimidischen Ägypten zwei direkt angrenzende Regionalmächte, die allerdings „nur“ über Söldnertruppen mit zweifelhaftem militärischen Wert verfügten.

 

Da die Franken waffentechnisch überlegen und meist wesentlich besser organisiert waren, konnten sie nach anfänglichen Schwierigkeiten schnell nach Syrien vorstoßen und hier 1098 Städte wie Antiocha belagern. Da erheblicher Widerstand geleistet wurde und da die Franken keinerlei Wert auf Kooperation legten und ihnen auf ihren Raubzügen um die belagerten Städte herum kaum mehr Nahrungsmittel in die Hände fielen, herrschte bald Hunger unter den Kreuzfahrern.

 

Zu den belagerten Städten gehörte auch Maara (auch unter dem Namen Maaratan-Numan zu finden), eine Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern. Die nur mit einer unzureichend bewaffneten Miliz verteidigte Stadt will sich den Franken ergeben, falls den Bewohnern freier Abzug gewährt wird. Bohemund, einer der Anführer des Kreuzzuges, gewährt den freien Abzug, so dass die Stadt am 11.12.1098 die Waffen streckt. Trotz des Versprechens von Bohemund wird jeder Einwohner von Maara von den Franken getötet. Zahlreiche der Ermordeten werden sogar aufgegessen. Dieser massive Akt des Kannibalismus ist im arabischen Raum bis heute unvergessen. Westliche Chronisten und Historiker verschweigen den Kannibalismus dagegen meistens. Wenn überhaupt wird verschämt darauf hingewiesen, dass unter den Franken eine schlimme Hungersnot herrschte.

 

Aber dies ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Die Franken haben nämlich schon vorher bei der Belagerung von Antiocha zur Abschreckung mutmaßliche Spione geschlachtet, gebraten und aufgegessen. Hinzu kommt folgende Plausibilitätsüberlegung: Die Bewohner von Maara hatten ausreichend Vorräte für mehr als 10.000 Menschen, die zu großen Teilen den Franken in die Hände fielen. Daher wird „Hunger“ nicht das überwiegende Motiv für den fränkischen Kannibalismus gewesen sein.

 

Diese Vermutung wird durch die Tatsache gestützt, dass 1098 fanatische fränkische Banden, die Tafür, durch das Land zogen und laut verkündeten, Sarazenenfleisch zu essen.

 

Kurz nach Maara konnten die Franken Antiocha erobern. Sie zogen dann nach Süden gen Jerusalem, wobei sie auf ihrem Zug vor allem verbrannte Erde hinterließen. Sie verlangten die totale Unterwerfung von den syrischen Fürsten und diese wagten es nach dem Kannibalismus von Maara nicht mehr, Widerstand zu leisten. Im Gegenteil: sie lieferten Lebensmittel, Pferde, Gold und Geld und hofften, von den Franken verschont zu werden.  

 

1099 erreichten die Franken Jerusalem und eroberten es. Nach der Eroberung wurden alle Moslems und alle Juden, insgesamt mehr als 100.000 Menschen von den Franken ermordet. Die Christen Jerusalems wurden zwar nicht systematisch ermordet, allerdings wurden auch sie ihrer Habseligkeiten beraubt. Außerdem wurden zahlreiche Christen von den Franken gefoltert, damit sie das „heilige Kreuz“ und andere wichtige Reliquien an die Franken ausliefern.

 

Die fränkische Eroberung Jerusalems lief ganz anders ab, als die muslimische 638 durch Omar. 638 wurde allen Christen zugesagt, dass sie Leben und Besitz behalten könnten. Omar besichtigte die christlichen heiligen Stätten und respektierte diese. Er weigerte sich sogar in der Grabeskirche zu beten, da er Angst hatte, dass ansonsten muslimische Fanatiker an dieser Stelle eine Moschee errichten.

 

 

3.2 Saladin und die Rückeroberung Jerusalems

 

Nach Eroberung Jerusalems durch die Franken bildeten sich einige fränkische Fürstentümer und Königreiche. „Orientalisierte“ Franken passten sich oft den regionalen Gegebenheiten an und waren kompromissbereit. Sie gingen Bündnisse mit muslimischen Fürsten ein.

 

Die neu ins Land kommenden Franken dagegen waren meist arrogante, kompromisslose Fanatiker, die das Ziel hatten, möglichst viele Moslems zu töten. Und sie waren den „Orientalen“ organisatorisch und waffentechnisch deutlich überlegen.

 

1168 gab es ein Bündnis des fränkischen Königreichs Jerusalems mit dem muslimischen Ägypten gegen Damaskus und deren Anführer Nuredin und Saladin. Nuredin und Saladin wollten Ägypten erobern und die Herrscher in Kairo suchten bei den Franken Jerusalems Unterstützung. Im Oktober marschierten die Franken wieder nach Ägypten. Sie hätten Kairo kampflos einnehmen können, aber da sie auf dem Weg nach Kairo im eigentlich verbündeten Bilbess in bewährter Manier alles niedermachten, wehrten sich die Bewohner von Kairo und wechseln die Seiten. Damit wird das Mächtegleichgewicht zugunsten Nurdeins und Saladins verschoben. Nach dem Tod Nuredins zögert Saladin trotzdem die Franken anzugreifen, geht immer wieder Kompromisse ein und ist großzügig im Sieg.

 

Die Franken beginnen aber in grenzenloser Verkennung ihrer tatsächlichen Macht immer wieder Konflikte mit Saladin und brechen Verträge. Ironischerweise treiben sie Saladin schließlich zum Sieg über die Franken. Saladin erobert 1187 Akko, alle Franken dürfen bleiben, wollen dies aber nicht. Die fränkischen Kaufleute verlassen Akko unter dem Schutz von Saladins Soldaten in Richtung Tyros.

 

1187 ist auch das Jahr der Rückeroberung Jerusalems. Am 2.10. kapituliert die Stadt, alle Franken dürfen gegen ein geringes Lösegeld zusammen mit ihrem Hab und Gut die Stadt verlassen. Es gibt selbstverständlich kein Morden, kein Plündern. Die christlichen Kirchen werden von den Rück-Eroberern respektiert und von den Truppen Saladins bewacht, fränkische Pilger dürfen die Stadt weiterhin (unbewaffnet) betreten. Die reichen Franken schleppen nach Zahlung des geringen Lösegeldes all ihre Reichtümer aus der Stadt, weigern sich aber, das Lösegeld für die armen Franken zu zahlen. Schließlich zahlt Saladin selbst das Lösegeld für die armen Franken!

 

Ganz anders verhalten sich die neu ankommenden Franken. Als Richard Löwenherz – der Held vielfältiger Erzählungen in Europa – 1191 Akko erobert, lässt er alle muslimischen Gefangenen ermorden. Die Franken haben also nichts gelernt, sind aber weiterhin militärisch relativ stark. Jedoch können sie aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit und vor allem aufgrund ihrer Arroganz und ihrer Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen, Jerusalem nicht wieder erobern.

 

Dass Jerusalem dennoch für ein paar Jahre wieder unter fränkische Oberherrschaft kommt, ist einem „orientalisierten“ Franken, dem Staufer Kaiser Friedrich II zu verdanken. Dieser weigerte sich beharrlich, einen blutigen Kreuzzug gegen die Araber zu führen. Statt dessen verhandelte er mit Sultan al Kami und bekam so im Frieden von Jaffa Jerusalem 1229 kampflos übergeben.  

 

 

3.3 Das Ende der Kreuzfahrerstaaten

 

Nach Saladin fallen die alles zerstörenden Mongolen in Nahost ein. Interessanterweise sind die Mongolen zeitweise mit den Franken verbündet, es gab sogar Absprachen zwischen den Mongolen und dem Papst sowie dem König von Frankreich [11]. Mongolen und Franken werden aber schließlich von den Mamelucken – ehemalige Militär-Sklaven – geschlagen, die sich im 13ten Jahrhundert Ägyptens und Damaskus bemächtigt haben. Die Mamelucken sind wesentlich kompromissloser und brutaler (sie haben also in dieser Hinsicht viel von den Franken und den Mongolen gelernt) als ihre Vorgänger.  

 

Antiocha wird 1268 zurückerobert, nach der Eroberung werden in fränkischer Art viele Bewohner ermordet. Der Untergang der letzten großen fränkischen Enklave Akko 1291 wurde erst durch neu angekommene Franken besiegelt, die saufend und mordend die Umgebung von Akko unsicher machten und so eine Eroberung der Stadt durch die Mamelucken unumgänglich machten.  

 

 

3.4 Folgen

 

Die orts- und kulturfremden Kreuzfahrer metzelten von Anfang an bis zum Ende der Kreuzfahrerstaaten Ende des 13ten Jahrhunderts jeden nieder, der ihnen in die Quere kam Und dies, obwohl es in Syrien ein vielfältiges Nebeneinander von Kirchen, Moscheen und Synagogen gegeben hat. Die Kreuzfahrer machten bei ihren Morden keine Unterschiede zwischen Moslems verschiedener Glaubensrichtung und Juden, oft auch nicht gegenüber ortsansässigen Christen, keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen oder Kindern.   

 

Lernten die Kreuzfahrer aber die Gegend und die Menschen kennen, wurden sie also „orientalischer“, waren sie oft kompromissbereit und in der Lage den Anderen mit seinem Glauben und seiner Lebensart zu respektieren. Während sie die Kompromissbereitschaft der „Orientalen“ übernahmen, konnten sie auch etwas geben. Die fränkischen Fürsten beherrschten ihre Untertanen  mit deutlich weniger Willkür, als ihre arabischen und türkischen Gegenüber. Könige und Fürsten bei den Franken waren viel weniger Alleinherrscher, sondern respektierten – wenn auch in Grenzen – die Rechte armer Untertanen. Es gab also bei den Franken so etwas wie „Rechtssicherheit“ [12].  

 

Leider kam es aber nicht dazu, dass der Sieg bei einer Partei blieb, die die „guten“ Seiten von Orientalen und Franken verband also Kompromissbereitschaft, Toleranz und Rechtssicherheit. Statt dessen siegten letztendlich die Mamelucken, die für militärische Effizienz, Brutalität und Willkür stehen, also das jeweils schlechte beider Kulturkreise miteinander verbanden.

 

 

Zum Schluss noch ein Gedanke, der sich (ebenfalls) auf die heutige Zeit übertragen lässt. Die Kreuzfahrerstaaten sind letztlich an ihrer Arroganz und ihrer Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, gescheitert. Die überragende militärische und organisatorische Überlegenheit der Franken hat ihren Untergang im Orient nicht verhindern können.

 

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[10] Robert Fisk sieht Parallelen zwischen den heutigen westlichen Eroberern in Arabien (Irak) mit den Kreuzfahrern. Beide sind bzw. waren militärisch weit überlegen, beide sind bzw. waren unfähig, das Land, das sie eroberten, zu sehen.  

 

[11] Die Franken machten nicht nur mit den Mongolen gemeinsame Sache. Zu ihren Verbündeten rechnete auch der Orden der Assasinen, eine Bruderschaft von Selbstmordattentätern mit ihrer sagenhaften Burg Alamut. Obwohl die Assasinen fanatische Moslems waren, verbündeten sie sich mit den Franken. Ihre Opfer waren fast ausschließlich muslimische Fürsten, auch auf Saladin wurden mehrere Anschläge verübt. Falls einmal doch christliche Fürsten Opfer waren, steckten in der Regel andere christliche Fürsten (wie der bereits erwähnte Richard Löwenherz) als Auftraggeber hinter den Anschlägen.  

 

[12] Diese Rechtssicherheit führte letztlich auch zu einer größeren Stärke der „Franken“. Erbfolgekriege (Bruder gegen Bruder), wie sie bei Arabern und Türken nach dem Tod eines Fürsten an der Tagesordnung waren, bleiben beiden Franken die Ausnahme. Daher mussten sich die fränkischen Königshäuser weniger mit sich selbst beschäftigen und konnten ihre hinzugewonnene Kraft für externe Eroberungen nutzen.

 

 

Sie sieht von außen wunderschön aus. Eine Kreuzfahrerburg ist reizend. Aber wenn man sich in der Burg befindet, ist es kalt und feucht und man kann nicht nach außen schauen, außer man späht durch eine dieser Öffnungen, Schießscharten...  Ich kann [von innen] nur eine Moschee sehen und ein klein wenig vom Fluss. Nicht mehr. Und dies ist alles, was die Kreuzritter von dem Land sahen, das sie eroberten.

Robert Fisk 2005 [10]

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