Warum die Kenntnis der Geschichte für die Gegenwart wichtig ist

 

Ohne Kenntnis der Geschichte – besonders der jüngeren Geschichte seit 150 Jahren – sind wir (als Menschheit) gezwungen, immer wieder dieselben Fehler zu machen.  


 

1.    Eigene Erfahrungen

Mir selber ist die Subjektivität unserer offiziellen Lehrbuch-Geschichte erstmals bei der Darstellung des Endes des Kolonialismus aufgefallen. In meiner Schulzeit Ende 70iger, Anfang 80iger Jahre wurde mir von durchaus engagierten Lehrern vermitteltet, dass die Emanzipation der Menschen in „unseren“ [1] ehemaligen Kolonien mal mehr und mal weniger friedlich erfolgt ist. Dabei wurden zwei Extreme genannt: der friedliche Widerstand in Indien und der gewalttätige, die Weißen terrorisierende Kampf in Kenia. Spätestens nach dem Gandhi-Film von R. Attenborough war mir klar, dass Gewaltlosigkeit vor allem von den Indern, nicht aber von den Briten ausgegangen war. Als ich aber vor wenigen Jahren erfuhr, dass der „Terror“ der Schwarzen in Kenia in mehreren Jahren 33 weißen Zivilisten das Leben gekostet hatte während gleichzeitig durch britische „Antiterrormaßnahmen“ mehr als 20.000 Schwarze Zivilisten ihr Leben lassen mussten [2], geriet mein Weltbild ins Wanken.

Wie konnte es sein, dass die Dimensionen des „Terrors“ der Schwarzen in meinem Schulunterricht nicht genannt wurden? Dies hat – wie bereits eingangs erwähnt – nicht daran gelegen, dass uns meine Lehrer für dumm verkaufen wollten. Warum wussten es meine Lehrer selber nicht besser? Wie subjektiv ist unsere offizielle Geschichtsschreibung? Und wenn sie subjektiv ist: Steckt dahinter eine Methode? Um unsere, die westliche Rolle in der Welt freundlicher dastehen zu lassen? Damit das „Volk“ glaubt, dass „wir“ die Guten sind?


Habe ich überhaupt eine Chance, mir mit meiner Sicht der Dinge Gehör zu verschaffen? Schließlich hat der Mensch offensichtlich das Bedürfnis zu vergessen und beunruhigende Tatsachen auszublenden. Ein wenig erinnert mich dies an die Gefahr-O-Sensitiv-Brille aus dem Buch "Per Anhalter durch die Galaxis". Diese Brille verdunkelt automatisch bei Gefahr (oder anderen unangenehmen Tatsachen), so dass der Träger gar nicht erst in Panik verfallen kann. Hin und wieder scheint mir, dass diese Brillen bereits flächendeckend verteilt sind...


Dass "Erinnern" offensichtlich eine der schwersten Übungen für den Menschen ist, zeigt auch folgende Aussage von Greg Palast aus dem Jahr 2010:

"An einer Exxon-Tankstelle in New York entdeckte ich [1991] eine Broschüre. Das war zwei Jahre nach dem Tankerunfall [Exxon Valdez in Alaska]. Ein Adler schwebt über dem tiefblauen Meer und Exxon erklärt: ´Die Gewässer von Alaska sind jetzt wieder makellos´. Alles wieder gut, Liebling, schlaf weiter.

Ich kam mit dieser Broschüre zu Onkel Paul. Er deutete auf einen ca. 1,5 km langen Ölstreifen hinter dem Adler, der wie ein Schmutzring einer Badewanne an der Flutlinie klebte.

Und hier bin ich, auf der Knight Island im Jahr 2010, zwei Jahrzehnte nach dem Tankerunglück. Ich brauche nur die Hand in den Kies zu stecken, und schon stinkt es, wie eine Tankstelle in der Bronx.

Im Juni 2010 erklärte das US-Innenministerium, das Öl der Deepwater Horizon würde bis zum Herbst beseitigt sein. Im Herbst revidierte man den Zeitraum auf ´zwei Jahre´. Gemeint ist, dass wir zwei Jahre brauchen, um zu vergessen...

In wenigen Jahren werden Sie die Sache im Golf von Mexiko [Deepwater Horizon] auch vergessen haben und BP wird behaupten, dass die Natur sich wieder um alle gekümmert hat. Und in zwei oder fünf Jahren werden Sie dieses Buch [aus dem ich zitiere] in die Papiertonne werfen oder der Festplatte Ihres iPads löschen.

Wir wiederholen Geschichte. ... Wenn ich mir meinen Aktenschrank ansehe, mit dem ganzen Krempel und dem ganzen vergilbtem Papier darin, zum Beispiel der Exxon-Broschüre von der Tankstelle, frage ich mich, warum ich den ganzen Mist eigentlich aufhebe.

Und darauf weis ich keine Antwort."


Kurioserweise fällt - so mein Eindruck - ausgerechnet heutzutage das Erinnern schwer - trotz Internet, google und wikipedia. Oder gerade wegen der damit verbundenen Reizüberflutung und des allgemein verbreiteten Gefühls, dass man sich jederzeit umfassend und objektiv informieren könne. Nichts liegt aber so weit von der Realität entfernt. Heute macht es - genau wie vor 50, 100 oder 150 Jahren - viel Mühe, hinzuschauen und zu versuchen, hinter die Dinge zu schauen. Weil es genau wie zu allen Zeiten schwer ist, gegen den Strom zu schwimmen und eigene Gedanken zu haben.


weiter mit der Rezension des Buches Kongo  

weiter mit Überlegenheit des Westens

weiter mit Der US-amerikanische Vietnamkrieg

weiter mit Anschläge 11.9.2001

weiter mit der Geschichte des Nahen Ostens


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[1]  Mit „uns“ bezeichne ich im Folgenden die Position des Westens bzw. des „weißen Mannes“.

 

[2]    Die Tatsache, dass einerseits die Anzahl der toten Weißen Zivilisten exakt mit 33 angegeben werden kann, die der Schwarzen aber noch nicht einmal auf 1.000 Menschen genau ist, spricht ebenfalls Bände. Die Unkenntnis der Anzahl der „farbigen“ Opfer in den Kolonial- und Neokolonialkriegen von Kenia über Kongo bis hin heute im Irak, Afghanistan , Syrien etc. kann meines Erachtens nur mit „Rassismus“ beschrieben werden – bis zum heutigen Tag.   

Und noch ein paar Details zum MauMau Aufstand in Kenia: Es starben 1953 bis 1960 mehr Weiße bei Verkehrsunfällen allein in Nairobi, als insgesamt im Unabhängigkeitskrieg (33 Zivilisten, 62 Soldaten). 80.000 Schwarze kommen in Konzentrationslager, mehrere 100.000 werden in ihren Dörfern eingesperrt. Es werden bereits in Kenia "Feuer-Frei-Zonen" von der britischen Luftwaffe eingerichtet, in denen auf alles geschossen wurde, was sich bewegt hat.  

Trotz (oder wegen) der zahlreichen britischen Verbrechen war die britische Propaganda gegen den MauMau Aufstand sehr erfolgreich und wirkt bis heute: Die Schwarzen waren böse, kämpften nur unter Drogen, wollten weiße Frauen vergewaltigen, veranstalteten Sex-Orgien, wollten alle Weißen abstechen bzw. den Hals abschneiden.

Vergewaltigt wurden aber nur schwarze Frauen, teilweise mit Flaschen. Genau die Gräuel, die man den Schwarzen vorgeworfen hat, wurden nur an Schwarzen verübt. 

 

Sich nie an die unsagbare Gewalt und gewöhnliche Ungleichheit des Lebens um sich herum gewöhnen.

Freude auch an den traurigsten Orten suchen.  

Die Schönheit bis in ihren Kern verfolgen.  

Nie vereinfachen, was kompliziert ist, und nie verkomplizieren,
was einfach ist.
 

Stärke respektieren, aber niemals schiere Macht.  

Vor allem aber hinschauen. Versuchen, hinter die Dinge zu schauen.  

Nie den Blick abwenden.  

 

Und niemals vergessen.

 

Arundhati Roy

 

 

 

Die Erinnerung der Macht erinnert nicht, sie segnet ab. ... Die Erinnerung der Macht, die die Bildungsinstitutionen und die Massenmedien als einzig mögliche Erinnerung verbreiten hört nur die Stimmen, die die langweilige Litanei ihrer eigenen Heiligsprechung wiederholen.

 

Eduardo Galleano

 

 

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