Umgang mit den Feinden des Westens

- Wie „ticken“ die westlichen Eliten? -


Die Eliten im Westen verhandeln nicht gerne mit ihren Feinden. Entweder gibt es totale, bedingungslose Unterwerfung, oder Krieg. Ebenso werden die „Führungskräfte“ unserer „Feinde“ vorzugsweise über den Haufen geschossen. Die Zeiten, in denen man „feindliche“ Präsidenten nicht um jeden Preis ermordet wissen wollte – weil man ja mit diesen verhandeln könnte – sind schon seit Jahrzehnten vorbei. Saddam Hussein und seine Regierungsmitglieder waren bereits 1991 Ziel von US-Angriffen, Gaddafi in Libyen hat nach dem wesentlichen Angriff auch nicht lange gelebt usw. usw.


Dass dabei unbeteiligte Opfer billigend in Kauf genommen werden, ist Standard. So vermuteten US Truppen während des Irakkrieges 2003 Saddam Hussein und zwei seiner Söhne im christlichen bagdader Stadtteil Mausour und bombardierte diesen. Weder Saddam Hussein noch seine Söhne waren aber dort, 14 Zivilisten mussten dennoch sterben, wobei die US-Truppen hierfür Saddam Hussein die Schuld gaben.


Mich erinnert das Verhalten unserer Eliten an die Mafia-Filme im Kino. Hier haben die Gangsterbosse auch nicht mit ihren „Mitbewerbern“ verhandelt, sondern diese nach Möglichkeit "beseitigt".


Warum handeln die Eliten so? Die banale Antwort (aus meiner Sicht) lautet: Weil sie es so können. Wobei die offizielle Begründung: „Wir sind die Guten, hinsichtlich Menschenrechte und Freiheit dürfe es keine Kompromisse geben. Keine Fußbreit den neuen Hitlers“ mich nicht überzeugen kann.


Eine der Folgen dieser Geisteshaltung sind endlose Konflikte, weil für viele in den nicht-westlichen Ländern eine totale Unterwerfung keine ernsthafte Alternative ist. Was aber von den Eliten auch so gewollt ist, da durch die ewigen „äußeren“ Feinde    

- zum einen die „eigene“ Bevölkerung ruhig gestellt wird, indem sie sich auf den äußeren „Feind“ konzentriert und die inneren Machtverhältnisse nicht in Frage stellt und

-  zum anderen weil ewiger Krieg auch ein wunderbares Geschäftsmodell ist.  


In der Vergangenheit konnten Kriege dagegen immer verkürzt werden, wenn keine der Beteiligten „in die Ecke“ gedrängt wurde. Absolute Forderungen haben dagegen immer zu Kriegsverlängerungen mit mehr Opfern geführt.    


Beim deutsch-französischen Krieg 1870/71 wäre keine der beiden Seiten auf die Idee gekommen, die andere Seite in ihrer Substanz in Frage zu stellen. Die Kriegsfolgen (Reparationen, Abtretung von Elsass-Lothringen) waren für die französischen Nationalisten zwar bitter, aber in keiner Weise existenzbedrohend.


Allerdings gab es bereits im 19. Jahrhundert totale Kriege mit dem Ziel die Besiegten vollständig zu unterwerfen und auszubeuten. Die Rede ist von den Kolonialkriegen, die Europa ab 1830 vor allem in Afrika und Asien führte (die USA kamen in Mittelamerika ab 1850 und im pazifischen Raum ab Ende des 19. Jahrhunderts dazu).

Schon 1885 fragt sich J. Hornung: "Wenn wir gegen andere "zivilisierte" Staaten [in Europa] Krieg führen, gilt das Kriegsrecht mit Schonung der Zivilbevölkerung. Führen wir aber gegen „untere Staaten“ Krieg, muss die gesamte Nation bestraft werden. Aber wenn wir ihre Felder zerstören, ihre Frauen, Kinder und Alten massakrieren, glauben wir dann wirklich, dass sie damit die Zivilisation lernen?"

Unmenschliche Kriege gegen die Menschen im Süden haben immer eine Verrohung der Gesellschaft zur Folge. J.A. Farrer stellt 1885 fest: „Die Kolonialkriege werden als Kriege gegen Rebellen und Verbrecher bezeichnet. Hier ist alles erlaubt. Dies führt aber unweigerlich dazu, dass auch [zukünftige] Kriege in Europa ähnlich verlaufen werden, d.h. da wird es keine Hemmungen durch ein Kriegsrecht mehr geben“. Wie wahr…

1896 (und seitdem mehrfach wieder aufgelegt) erschien das Handbuch „Kleine Kriege“ gegen Rebellen und "Wilde" von Colonell C.E.Caldwell: „In kleinen Kriegen wird nicht gegen eine reguläre Armee gekämpft, die kapitulieren kann, sondern gegen das gesamte Volk. Mittel sind daher: Vieh stehlen, Felder verwüsten, Nahrungsspeicher zerstören, Dörfer niederbrennen. Damit dauerhaft „Respekt“ vor den Weißen [Kolonialherren] erreicht wird."


Diese Haltung (der Kolonialkriege) gab es im ersten Weltkrieg – auf beiden Seiten. Der erste Weltkrieg wurde so, wie die Kolonialkriege geführt – ohne Erbarmen gegenüber „Zivilisten“ (weil das gesamte Volk der Gegenseite als „Feind“ gesehen wurde) und ohne Rücksicht auf geschlossene Verträge.


Der "Blutzoll" des ersten Weltkrieges war wesentlich größer, als man annimmt, beschränkte sich aber schwerpunktmäßig auf Soldaten. Etwa 50% der männlichen Franzosen, die 1914 18 bis 30 Jahre alt waren, starben in diesem Krieg. Von den gleichaltrigen Deutschen und Briten starben etwa 35% bis 40%. Der erste Weltkrieg löschte also wesentliche Anteile einer ganzen Generation Männer aus. Und dies betraf nicht nur das "einfache" Volk. Der deutsche und britische Adel musste anteilig sogar noch höhere Verluste hinnehmen {1].    


Die hohen Opferzahlen machten aber mit jedem Tag der Fortdauer des Krieges einen Kompromissfrieden unwahrscheinlicher. Wie sollte man schließlich dem „eigenen“ Volk z.B. Ende 1914 nach über 1 Mio. Tote erklären: „Wir kommen mit dem Krieg nicht voran. Die Gegenseite ist vielleicht nicht ganz so böse, also: Schwamm drüber, lasst uns die ganze Sache vergessen.“  Eine derartige Aussage hätte doch die Legitimität aller Regierungen  in Frage gestellt…  


Da aber beide Seiten spätestens seit Ende 1915 wussten , dass das Kriegsziel der jeweils anderen Seite die totale Vernichtung des „Feindes“ war, schleppte sich der erste Weltkrieg noch weitere 3 Jahre hin. Mit Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg  war aber die Möglichkeit eines Kompromissfriedens gegeben, und zwar sowohl für die „Eliten“ in Deutschland, als auch für die „einfachen“ Soldaten, die es tatsächlich in Erwägung zogen (und dies auch praktizierten) sich gegenüber US-amerikanischen Truppenteilen zu ergeben. Dies geschah gegen Briten und Franzosen nicht, weil man sich nicht der Willkür des „Feindes“ aussetzen wollte (was im übrigen auch für Briten und Franzosen galt, die sich aus ähnlichen Gründen nicht den Deutschen ergeben wollten). So endete der erste Weltkrieg [2].    


Selbst im zweiten Weltkrieg gibt es Beispiele dafür, dass das Anbieten von Bedingungen bei Kapitulation die Anzahl der Opfer auf beiden Seiten deutlich reduziert. Hier sei als Beispiel die Stadt Graudenz genannt, die sich nach Verhandlungen der Roten Armee ergab. Es gab also auch im zweiten Weltkrieg Alternativen zu „bedingungsloser“ Kapitulation.


Und noch etwas: Nach den „bedingungslosen“ Kapitulationen Deutschlands und Japans wurden nicht etwa alle Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen.   

Im Gegenteil Klaus Barbie (und andere Folterknechte, Pardon - -spezialisten), KZ-Ärzte, Fremde Heere Ost usw. usw. wechselten einfach die Seiten (oder – ketzerisch betrachtet: blieben auf der selben Seite) und wurden von den westlichen Siegermächten in ihren ursprünglichen Funktionen weiter „beschäftigt“. Sie mussten noch nicht einmal ihre „Gesinnung“ wechseln.  Nazi-Richter bleiben in Amt und Würden und konnten noch bis in die 1960ger Jahre bei den Staatsschutzsenaten Kommunisten (oder mutmaßliche Kommunisten) terrorisieren. In den selben Gerichtssälen haben die selben Richter, die selben Angeklagten mit z.T. den selben Gesetzen in der Nazi-Zeit ebenso, wie in den 1950ger und 1960ger Jahren verurteilt. Das nennt man Kontinuität.    


Warum dann „Bedingungslose Kapitulation“?    


Interessanterweise ist es heute nicht anders. Nach dem (illegalen) Einmarsch der westlichen Truppen in den Irak (der ja vorgeblich der Beseitigung des die eigene Bevölkerung terrorisierenden Regimes von S. Hussein galt) machten weder US-Truppen noch britische Truppen auch nur den Versuch, Akten der irakischen Geheimpolizei in den Foltergefängnissen zu sichern (Beweissicherung). Vielleicht, weil es beabsichtigt war, die "Spezialisten" (für das Foltern) weiter einzusetzen. Fakt ist, dass die US-Besatzungstruppen Abu Ghuraib als Foltergefängnis weiterbetrieben haben, und dabei nicht nur die Örtlichkeiten, sondern auch mehr als 50% des Personals übernommen haben. Unter der neuen US-Hoheit durften nicht nur untere und mittlere Chargen weiter „arbeiten“, sondern z.B. auch der Gefängnisarzt...

   
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[1] Da ist es logisch, dass die Eliten bei den kommenden Kriegen "klüger" waren, und statt dessen vorwiegend das einfache Volk (bzw. - noch besser – das Volk des „Feindes“) verheizten. Heutzutage wiederum drücken sich die Eliten und ihre Kinder vollkommen. So haben sich die Bush´s, Rumsfeld´s und Clinton´s dieser Welt erfolgreich vor allen Kriegen der USA drücken können. (=> Chickenhawk; siehe auch die Website der New Hampshire Gazette).

Westliche Kriege beschränken sich im Endeffekt – auch als Lehre des ersten Weltkrieges – auf die Anwendung überlegener Feuerkraft mit minimalen „eigenen“ Verlusten und der billigenden Inkaufnahme von zivilen Kollateralschäden. 

Wobei zivile Opfer mittlerweile oft das Ziel der NATO-Kriegführung sind, betrachtet man die Eskalationsstrategie des US-Luftkriegstheoretikers John A. Warden, die mindestens seit dem Krieg gegen Jugoslawien 1999 durch die NATO angewendet wurde und wird.

Warden beschreibt einen potentiellen Feind als ein System konzentrisch angeordneter Ringe, deren strategische Relevanz von innen nach außen abnimmt. Im Zentrum befindet sich die politische und militärische Führungsspitze. Im zweiten Ring befinden sich sich Schlüsselindustrien (Stromerzeugung, Wasserversorgung, die petrochemische Industrie und der Finanzsektor), im dritten die Transportinfrastruktur, im vierten die Zivilbevölkerung und zuletzt, ganz außen, das Militär. Diese Luftkriegsdoktrin zielt bewusst auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen eines Staates ab, die Zivilbevölkerung selbst wird zum Ziel noch vor dem Militär deklariert. Warden begründet dies wie folgt: Im Gegensatz zu Clausewitz bestehe das Wesen des Krieges nicht in der Vernichtung des feindlichen Militärs; das Wesen des Krieges bestehe darin, den Gegner davon zu überzeugen, unsere Position zu akzeptieren. Die Streitkräfte des Feindes zu bekämpfen, sei bestenfalls Mittel zum Zweck, schlimmstenfalls aber totale Zeit- und Energieverschwendung, so Warden.  

Die NATO-Luftkriegsstrategie von Warden nimmt also bewusst die im 1896 erschienenen Handbuch „Kleine Kriege“  von Colonell C.E.Caldwell genannte Strategie der Kolonialkriege auf: „In kleinen Kriegen wird nicht gegen eine reguläre Armee gekämpft, die kapitulieren kann, sondern gegen das gesamte Volk. Mittel sind daher: Vieh stehlen, Felder verwüsten, Nahrungsspeicher zerstören, Dörfer niederbrennen. Damit dauerhaft „Respekt“ vor den Weißen [Kolonialherren] erreicht wird."


[2] Jetzt erzähle mir niemand, der Krieg endete, weil Deutschland „erschöpft“ war. Franzosen und Briten waren mindestens genau so „erschöpft“, Italien war bereits 1917 faktisch aus dem Krieg ausgeschieden, weil die italienischen Soldaten sagten, es reicht. 

Der entscheidende Unterschied für mich ist, dass sowohl die Herrschenden, als auch die einfachen Soldaten in Deutschland mit dem Kriegseintritt der USA und den 14 Punkten von Wilson eine Möglichkeit gesehen haben, den Krieg mit einem einigermaßen fairen Kompromissfrieden zu beenden.    

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

 

Die Kolonialkriege werden als Kriege gegen Rebellen und Verbrecher bezeichnet. Hier ist alles erlaubt. Dies führt aber unweigerlich dazu, dass auch Kriege in Europa ähnlich verlaufen werden, d.h. da wird es keine Hemmungen durch ein Kriegsrecht mehr geben.

J.A. Farrer 1885

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