Statt einer Einleitung:
Besprechung: „Mann ohne Land“ von Kurt Vonnegut

Das Buch „Mann ohne Land“ von Kurt Vonnegut aus dem Jahr 2005 hat mich sehr beeindruckt. Ich kann zwar nicht allen seinen Gedanken zustimmen. Kurt Vonnegut hat aber aus meiner Sicht äußerst bemerkenswerte Gedanken zur Interpretation der aktuellen politischen Lage geäußert.

Kurt Vonnegut schreibt auch über Eugene Debs, dem führenden Sozialisten in den USA Ende des 19. Anfang des 20.Jahrhunderts. Er kämpfte Zeit seines Lebens für eine bessere Welt und wurde dafür nach dem sog. Pullmann-Streik für 6 Monate und für seine Opposition gegen den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg für 3 Jahre eingesperrt [1].

 

Vonnegut schreibt (Zitate aus dem Buch sind kursiv dargestellt):  

 

[Debs sagte während eines Präsidentschaftwahlkampfes:]

           Solange es eine Unterschicht gibt, gehöre ich ihr an.

         Solange es ein kriminelles Element gibt, gehöre ich dazu.

         Solange eine Seele im Kerker schmachtet, bin ich nicht frei

Müsst ihr nicht bei allem Sozialistischen kotzen? Wie bei großartigen Gemeinschaftsschulen, oder Krankenversicherung für alle?…  

[Vergleicht das, was Debs sagt mit der Bergpredigt, den Seligpreisungen.]

            Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelsreich.

            Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

            Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder
          heißen
[2]

Nicht gerade die Planken einer republikanischen Wahlkampfplattform. …

Aus irgendeinem Grund erwähnen die lautstärksten Christen unter uns nie die Seligpreisungen. Aber sie verlangen, oft mit Tränen in den Augen, dass die Zehn Gebote in öffentlichen Gebäuden angebracht werden. Und das ist natürlich Moses und nicht Jesus. Ich hab noch nie gehört, dass einer von denen verlangt hätte, die Bergpredigt, die Seligpreisungen sollten irgendwo angebracht werden.

„Selig sind, die da Leid tragen“ in einem Gerichtssaal? „Selig sind die Friedfertigen“ im Pentagon? Dass ich nicht lache.  

 

Diesen Gedanken nur auf die politischen Verhältnisse in den USA anzuwenden, ist Verschwendung. Die Analyse trifft leider auch auf unsere bundesdeutsche Realität zu. Man denke an unsere glorreichen evangelischen Bischöfe, die von ihren muslimischen Brüdern (und Schwestern) verlangen, den Splitter in ihrem Auge zu entfernen, aber nicht den Balken in ihrem eigenen sehen (Matthäus 7, 4 bis 6).

 

In einer Zeit, in der jegliche Visionen für eine bessere Welt fehlen, in der von „Christen“ die Inhalte der Bergpredigt ebenso verunglimpft werden, wie das Grundgesetz von „Verfassungsschützern“, in dieser Zeit müssen die wenigen, die sehen können sagen: Es reicht!

 

Aber weiter mit Vonneguts Gedanken: Vonnegut weist darauf hin, dass – wie bis zur Aufklärung – seit einiger Zeit wieder die Vermuter das Sagen haben. Wissen schadet in den Zirkeln der Macht nur, denn dann müssten diese sich inhaltlich mit Alternativen auseinandersetzen. Wobei die herrschende Ideologie mit Sicherheit den Kürzeren ziehen würde.  

 

Was kann man unseren jungen Leuten sagen, jetzt, da … Personen ohne Gewissen, ohne Mitleid und ohne Scham alles Geld des Finanzministeriums und der Großunternehmen eingesackt haben? [3] 

 

Vonnegut definiert „psychopathische Persönlichkeiten“ (PPs) als schlaue, umgängliche Menschen, die kein Gewissen haben [4].  

 

[PPs] übernehmen plötzlich überall die Macht. PPs wissen genau, wie sehr andere unter ihren Taten leiden können, aber es ist ihnen wurscht. Es kann ihnen gar nicht anders, als wurscht sein, weil sie so bescheuert sind. … Sie haben [aber] den Laden übernommen. …

Die PPs haben es in vielen Firmen – und jetzt in der Regierung – soweit gebracht, weil sie so entschlussfreudig sind. Jeden gottverdammten Scheißtag werden sie etwas anstellen und sie haben keine Angst. Im Gegensatz zu normalen Menschen sind sie nie von Zweifeln erfüllt und das aus dem einfachen Grund, weil es ihnen scheißegal ist, was als nächstes passiert. …

Macht die Reserve mobil! Privatisiert die Schulen! Greift den Irak an! Fahrt die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit runter! Zapft alle Telefone an! Senkt die Steuern für die Reichen! Baut ein Billionen Dollar teures Raketenabwehrsystem! Scheißt auf Habeas Corpus!

 

Dies mit dem Gedanken von Susan George kombiniert, dass wesentliche politische „Fehlentscheidungen“ (im Sinne einer gerechten, friedlichen Gesellschaft) nicht auf Unwissen oder Unfähigkeit der Regierenden basiert, sondern dass das meiste genau so passiert, wie es die Mächtigen wollen, ist sehr beunruhigend.

Aber fragen wir uns doch einmal selber, was sich aus der Sicht des durchschnittlichen Bürgers in den letzten 30 Jahren trotz einer immer reicher werdenden Gesellschaft in Deutschland verbessert hat:

-        Rente?

-        Krankenversicherung bzw. ein gutes Gesundheitssystem für alle?

-        Arbeitslosigkeit?

-        Existenzangst?

-        Umwelt?

-        Bürgerrechte?

-        Bildung?

-        Politische Teilhabe?

-        Fernsehen?

-        eine friedlichere Welt?

Ist der durchschnittliche Bürger heute wenigstens zufriedener, als vor 30 Jahren? Gibt es Visionen für eine bessere, gerechtere Welt? Werden es unsere Kinder besser haben, als wir? Oder wenigstens unsere Enkel?  

 

Ich glaube: optimistisch in die Zukunft blicken nur die wenigsten. Obwohl (oder weil?) die Gesellschaft immer reicher geworden ist [5], wird alles immer schlimmer. Warum? Und warum stellt niemand in der Öffentlichkeit diese Frage? Somit sind wir bei den Medien, über die sich Vonnegut ebenfalls äußert. Seine Aussagen zu den Medien in den USA können komplett auf unsere Verhältnisse übertragen werden:

 

Unsere täglichen Nachrichtenquellen, Zeitungen und Fernsehen sind inzwischen … so feige, so unwachsam, so uninformativ, dass wir nur noch aus Büchern erfahren, was wirklich los ist.

 

Mein erster Gedanke war: Bücher ja, aber auch das Internet. Mittlerweile denke ich aber, dass das Internet uns zwar informieren kann – dies aber meist nur in Form kurzer Gedanken. Die Darstellung komplexer Zusammenhänge dagegen ist über das Internet wesentlich schwieriger, als mit einem Buch. Und auch der Rückblick in die Vergangenheit ist über das Internet wesentlich komplexer. Die Kenntnis der Vergangenheit ist aber für Schlussfolgerungen für die Gegenwart wesentlich. Daher kann ich Herrn Vonnegut nur beipflichten: Lest Bücher! Politische Sachbücher, politische Romane! Interessiert euch für die Hintergründe!

 

Zumal die PPs mittlerweile auch  in Europa den Laden übernommen und uns voll im Griff haben. Sprache verschleiert nur – Neusprech ist nichts dagegen -, Nachrichten lenken von interessanten Fragen ab, Gesetze und Verfassungen werden noch nicht einmal ignoriert.

 

Jean Paul Marat schrieb hierzu bereits vor über 200 Jahren:

Der erste Schlag, den die Fürsten der Freiheit versetzen, besteht nicht darin, dreist die Gesetze zu verletzen, sondern in Vergessenheit geraten zu lassen. …  Um die Völker in Ketten zu legen, schläfern sie sie zunächst ein.

Und: Nur wenige Menschen haben gesunde Vorstellungen von den Dingen. Die meisten klammern sich blos an Wörter. ...  Von den Wörtern getäuscht, verabscheuen die Menschen die abscheulichsten, mit schönen Wörtern geschmückte Dinge nicht, und sie verabscheuen die löblichsten Dinge, die als hässlich verschrien sind.  Deshalb besteht der gewöhnliche Kunstgriff der Kabinette darin, die Völker in die Irre zu führen, indem sie Wörter pervertieren.  

 

Wer kennt noch den Artikel 14 Satz 2 des Grundgesetztes (GG):(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Oder Artikel 15: Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Abs. 3 Satz 3 und 4 entsprechend.

Statt dieser am Gemeinwohl orientierten Grundsätze gilt heute eher der „Geist“ der Anfang der 2000der Jahre geplanten aber nicht offiziell umgesetzten EU-Verfassung. Hier ist nichts mehr zum Thema Gemeinwohl und Verpflichtung von Eigentum zu finden. Das Leben der Menschen hat sich ausschließlich an der beruflichen Verwendungsfähigkeit zu orientieren, also letztlich den Interessen des Großkapitals unterzuordnen.

 

Wie sehr sich unser Denken – beeinflusst durch die Medien einschließlich der Werbung – in den letzten 25 Jahren geändert hat, darauf wies der 2015 verstorbene Eduardo Galleano bereits 1998 hin:

Bis vor 20 oder 30 Jahren war die Armut eine Folge von Ungerechtigkeit. Die Linke klagte sie an, die Mitte gab sie zu und die Rechte leugnete sie nur selten.  

Sehr haben sich seitdem die Zeiten geändert. ... Inzwischen ist die Armut eine gerechte Strafe für Unfähigkeit. Die Armut verdient höchstens noch Mitleid, Empörung mag sie nicht mehr auszulösen. ...

Gewalt wird im Allgemeinen als Ergebnis des üblen Benehmens der schlechten Verlierer dargestellt. ... Die Gewalt liegt in ihrer Natur [die der Armen]. Wie die Armut gehört sie zur natürlichen Ordnung.  

Die Ungerechtigkeit ist heute ungerechter als je im Süden der Welt und im Norden genau so, doch es gibt sie kaum oder gar nicht für die großen Massenmedien, die international die öffentliche Meinung fabrizieren.   

 

Der Mensch wurde auch mit Hilfe des medialen Dauerbeschusses vereinzelt, Solidarität ist heute ein unbekannter Begriff. Gewerkschaften, wie die GDL, die sich solidarisch verhalten, werden verteufelt. Und wir alle verteufeln die GDL mit.

Dagegen ist „Wohltätigkeit“ In. BILD und Konsorten propagieren oft Wohltätigkeit, aber niemals Solidarität. Der Grund ist (Zitat Galleano): Im Gegensatz zur Solidarität, die waagerecht verläuft und von gleich zu gleich gewährt wird, wird die Wohltätigkeit von oben nach unten praktiziert, erniedrigt den, der sie erhält und verändert auch nie nur ein bisschen der Machtverhältnisse.  

 

Die Vereinzelung (und Verdummung) der Menschen wird auch von der Werbung propagiert. Heute ist es vielen Menschen wichtiger zu wissen, wann das nächste iPhone herauskommt, als Kenntnisse über unsere Wirtschaftspolitik zu erlangen, als Entscheidungen zu Krieg und Frieden zu hinterfragen. Dabei frage ich mich, warum meine Mitmenschen nicht sehen können. Gerade Konservativen muss es doch auffallen, dass z.B. die Schutzpolizei bundesweit abgebaut und kasernierte Bereitschaftspolizei, Geheimdienste und Geheimpolizei aufgebaut werden. Und dass dies BILD nicht die Bohne interessiert. Ist dies in unserer aller Interesse? Ober der wachsende Unterschied zwischen Arm und Reich. Die Zwei-Klassen-Medizin. Etc., etc..


  
Wir sind also gar nicht so weit von dem modernen Totalitarismus entfernt, den bereits 1946 Aldous Huxley beschrieben hat: "Natürlich muss der neue Totalitarismus nicht notwendig dem alten gleichen. Das Regieren mit Knüppeln und Exekutionskommandos, mit künstlichen Hungersnöten, Massenverhaftungen und -deportationen ist nicht nur inhuman (was ja keinen mehr sonderlich kümmert), sondern erwiesenermaßen ineffizient - und im Zeitalter der Hochtechnologie ist Ineffizienz Sünde wider dem Heiligen Geist.
  

Der wahrhaft effiziente totalitäre Staat wäre der, in dem eine allmächtige Exekutive von Politbossen und ihrem Heer von Managern die Bevölkerung aus Sklaven kontrolliert, die man nicht zwingen muss, weil sie ihr Sklavendasein liebt. Sie dazu zu bringen, es zu lieben ist in den heutigen totalitären Staaten Aufgabe der Propagandaministerien, Zeitungsredaktionen und Lehrern."


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[1] Bemerkenswert ist, dass bei Wikipedia mit keinem Wort Debs Opposition gegen den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg erwähnt ist. So fehlt auch der Hinweis, dass er wegen einer Rede gegen diesen Krieg am 16.06.1918 in Canton, Ohio zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Wegen einer Rede. Im Land der Freien. Er wurde erst 1921 - also 3 Jahre nach Kriegsende - begnadigt. Während der Haft erkrankte er, an den Folgen der Erkrankung starb er schließlich 1926.

 

[2] Selig sind die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelsreich.

Auch der Rest der Bergpredigt (Matthäus 5 bis 7) ist erstaunlich deutlich (vom Töten, vom Schwören, vom Vergelten, von der Feindesliebe, vom Almosengeben, vom Schätzesammeln, vom Richtgeist usw.) und alles andere, als staatstragend. Die Bergpredigt vermittelt (ebenso wie das Grundgesetz) eine Moral, die ziemlich genau das Gegenteil von dem ist, was Medien und Mächtige permanent predigen.

 

[3] Vonnegut veröffentlichte sein Buch wohlgemerkt drei Jahre vor der „Finanzkrise“, in deren Folge nur zu klar wurde, wie sehr Herr Vonnegut recht hatte.


[4] Zum Vergleich die Definition aus Wikipedia:
Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant, sie verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei können sie sehr manipulativ sein, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass oft die Diagnose einer dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann.

 

[5] Das BIP Westdeutschlands stieg zwischen 1984 und 2014 inflationsbereinigt um fast 87,5%.   

 

 

Requiem

Der gekreuzigte Planet Erde,

sollte er eine Stimme finden

und einen Sinn für Ironie

könnte jetzt gut darüber

wie wir ihn missbraucht haben sagen:

Vergib ihnen Vater,

denn sie wissen nicht, was sie tun.

 

Die Ironie wäre

dass wir wissen

was wir tun.

 Kurt Vonnegut 

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